Erschienen am 17. August 2021 im Stader Tageblatt

FREDENBECK. Er will neuer Chef im Rathaus der Samtgemeinde Fredenbeck werden: Matthias Hartlef ist einziger Bewerber um das Amt des Samtgemeindebürgermeisters. Im Interview mit TAGEBLATT-Redakteur Daniel Beneke spricht er über die Pläne für seine Amtszeit.

TAGEBLATT: Was ist Ihr Lieblingsplatz in der Samtgemeinde?

Hartlef: Mein Lieblingsplatz ist im Schwingetal auf meinem Hochsitz „Dix sien Busch“ in der Nähe des Flusslaufes der Schwinge. Besonders in den Stunden, wenn der Tag erwacht und das Sonnenlicht sich im Morgentau auf den Wiesen spiegelt. Wenn sich dann noch der Duft der nassen Wiesen ausbreitet, ist es für mich ein totales Glücks- und Heimatgefühl.

Warum kandidieren Sie für das Amt des Samtgemeindebürgermeisters?

Zur Samtgemeinde Fredenbeck als meine Heimatgemeinde fühle ich eine tiefe Verbundenheit. Als Samtgemeindebürgermeister möchte ich mich mit aller Kraft dafür einsetzen, dass sich alle Menschen hier wohlfühlen können und wir sämtliche Chancen unserer Dörfergemeinschaft ergreifen. Kommunalpolitik ist Politik von Menschen mit Menschen für Menschen. In unserer Samtgemeinde sind so viele Menschen ansässig, die viel Zeit und Energie einsetzen, um andere Menschen zu unterstützen, ihnen zu helfen oder durch das zum Teil ehrenamtliche Engagement der Gemeinschaft eine lebenswerte, starke Heimat schaffen. Diese Menschen haben ein unglaubliches Potenzial, stecken voller Kreativität, Dynamik und haben einen Drang nach Entfaltung. Mein Antrieb zur Kandidatur ist es, dieses Engagement zu fördern und eventuell bürokratische Hindernisse durch ein zielgerichtetes Zusammenspiel von Bürgern und Verwaltung zu beseitigen. Meine über 34 Jahre lange Berufs- und Führungserfahrung in der öffentlichen Verwaltung bietet dafür eine hervorragende Grundlage.

Was ist die größte Stärke der Samtgemeinde?

Das Betreuungsangebot an Krippen- und Elementarplätzen im Bereich der Kindertagesstätten kann sich auch im landkreisweiten Vergleich wirklich sehen lassen. Die Weiterentwicklung des Betreuungsangebotes erfolgte klug und weitsichtig, so dass der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz in den letzten Jahren regelmäßig erfüllt werden konnte. Planungskosten für eine weitere Kita in Fredenbeck wurden im Haushalt 2021 bereits eingestellt. Für den Bereich der Hortbetreuung wird eine nachhaltige Verbesserung allerdings erst mit der Aufnahme des Ganztagsbetriebs der Grundschule Fredenbeck eintreten.

Was ist die größte Schwäche der Samtgemeinde?

Im Grunde die eigenständige Baulandentwicklung. In der Entwicklung samt Erschließung und Veräußerung von gemeindeeigenen Flächen liegt ein potenziell gutes Ertragsfeld. Der Gewinn aus der Veräußerung des überplanten und erschlossenen Baulandes verblieb in der Vergangenheit grundsätzlich beim Eigentümer oder Investor. Die Gemeinden können jedoch an dieser Bodenwertsteigerung in einem höheren Umfang auch selbst profitieren, wenn sie selbst die Baurechtsschaffung, Überplanung und Erschließung vornehmen und das Bauland dann an Dritte weiterveräußern. Der Veräußerungserlös kompensiert grundsätzlich nicht nur die Kosten der Baulandentwicklung, sondern führt zu Gewinnen, die für Folgekosten der Infrastruktur, etwa durch vermehrte Kita-Plätze etc. entstehen, verwendet werden können. Die Gemeinde Kutenholz hat vor kurzem diesen Weg eingeschlagen, der konsequent für alle Gemeinden gangbar wäre.

Wie wollen Sie die Verwaltung serviceorientierter und bürgerfreundlicher gestalten?

Für eine Kommunalverwaltung müssen immer die Bürgerinnen und Bürger im Mittelpunkt stehen. Die Bürgerinnen und Bürger müssen Vertrauen in ihre Verwaltung haben. Das bedeutet, dass sie auf gut ausgebildete, bedarfsgerecht fortgebildete, motivierte und freundliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter treffen, bei denen verlässlich ihre Anliegen kompetent und schnell abgearbeitet werden. Es ist auch eine Selbstverständlichkeit, dass man zurückruft und die Bürgerinnen und Bürger über die jeweiligen Sachstände in Kenntnis setzt. Effizienz und Bürgernähe sind die Merkmale einer serviceorientierten modernen Verwaltung. Heute wollen die Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Verwaltung einfach, sicher und schnell kommunizieren. Eine effiziente Verwaltung muss neben der klassischen persönlichen Beratung insbesondere digitale Behördengänge ermöglichen. Die Digitalisierung, die rechtlich größtenteils abgesichert ist, erfordert ein Umdenken in der öffentlichen Verwaltung. Vergleichbar mit den kommerziellen Angeboten im Internet erwarten die Bürgerinnen und Bürger auch von der Verwaltung unkomplizierte Kommunikation auf elek-tronischem Weg, hohe Reaktionsgeschwindigkeit, Status-Update-Mitteilungen und schnelle Bearbeitung. Bei anderen Dienstleistungen sind die Bürgerinnen und Bürger längst nicht mehr an Öffnungszeiten gebunden, sondern können die Dienste 24 Stunden am Tag in Anspruch nehmen. Da darf die Samtgemeinde Fredenbeck zukünftig keine Ausnahme mehr darstellen. Unter anderem werde ich bei einem Amtsantritt ein sogenanntes Ticketsystem installieren, das alle Bürgeranfragen bündelt, Zuständigkeiten klar definiert und den Anfragenden über den Sachstand bis zum Grad der Erledigung informiert.

Die Samtgemeinde Fredenbeck hat die niedrigsten Gewerbesteuereinnahmen der Kommunen im Kreis Stade. Wie kann das besser werden?

Die Gewerbesteuer ist ein Bestandteil der öffentlichen Finanzierung und durch sie werden örtlich ansässige Unternehmen an der Finanzierung der Infrastruktur beteiligt. Gewerbesteuer zahlen erfolgreiche Unternehmen aufgrund ihrer Ertragskraft. Um die Wirtschaftskraft des Standortes zu stärken, brauchen die Unternehmen eine verlässliche und kompetente Kommunalverwaltung, die Standortdaten recherchiert, bei der Suche nach Kooperationspartnern unterstützt, zu Existenzgründungen berät und unterstützend nach geeigneten Fördermitteln und anderen Finanzierungsmöglichkeiten sucht, aber vor allen Dingen bei Genehmigungsverfahren berät, Kontakte herstellt, Gewerbeflächen ausreichend zur Verfügung stellt. Letztendlich als verlässlicher Partner vor Ort die Rahmenbedingungen setzen, die unsere heimische Wirtschaft stärken.

Alleine die geplanten Investitionen in Pflichtaufgaben wie Schulen und Feuerwehrhäuser binden gewaltige Summen in den kommenden Jahren. Wo bleibt da noch kreativer Gestaltungsspielraum?

Die Samtgemeinde Fredenbeck plant in den nächsten vier Jahren Investitionen in Höhe von über zehn Millionen Euro. Damit sind Kreditaufnahmen von insgesamt neun Millionen Euro verbunden. Aufgrund der anhaltenden Niedrigzinsphase kann die Samtgemeinde die sich ergebenden Zinslasten tragen, und auch die Überschusssalden reichen aus, um die ordentliche Tilgung zu bedienen. Um kreativen Gestaltungsraum zu entwickeln, kann es sinnvoll sein, andere Finanzierungsmodelle zu entwickeln. Ich denke hier insbesondere an die schon erwähnte eigenständige Entwicklung von Bauland mit einer „Einpreisung“ der Folgekosten etwa für Kita und Schule und an die Möglichkeit, Hochbauten, insbesondere Feuerwehrhäuser, über sogenannte ÖPP-Modelle zu finanzieren. Hier muss man allerdings zwingend die Vorteilhaftigkeit gegenüber der konventionellen Realisierung in einer ganzheitlichen Betrachtung über den gesamten „Lebenszyklus“ der Immobilie vergleichen. Wobei es unter meiner Führung sowieso keine Investitionsentscheidung ab einer gewissen Größenordnung geben würde, ohne dynamische Wirtschaftlichkeitsberechnungen.

Wie haben Sie als Ratsmitglied in den vergangenen Jahren das politische Klima erlebt?

Durchweg positiv. Die Atmosphäre war durchgängig von einer konstruktiven Debattenkultur und gegenseitigem Respekt aller Ratsmitglieder geprägt. Alle zu treffenden Entscheidungen sind sachorientiert abgehandelt worden. Ein gutes Signal für ein gutes politisches Klima ist es doch auch, wenn Minderheiten im Samtgemeinderat durch Überzeugungskraft und Sachargumente Themen „durchdrücken“ können; und das ist ja mehr als einmal geschehen. Es darf nur um die Sache gehen und wer die besseren Argumente hat. Selbst die damaligen Diskussionen zu der Abschaffung von Straßenausbaubeiträgen, von denen ich eine Veranstaltung auf dem Saal der Niedersachsenschänke moderiert habe, waren überwiegend sachlich geprägt. Andererseits darf man als politisch Tätiger auch nicht zu mimosenhaft sein, wie heißt es so schön: „Wer die Hitze nicht verträgt, hat in der Küche nichts verloren!“

Bei der Diskussion um den neuen Feuerwehrstandort in Mulsum taten sich tiefe Gräben zwischen Feuerwehr und Verwaltung auf. Die Einsatzkräfte fühlen sich nicht ernstgenommen. Wie wollen Sie das Vertrauen der Einsatzkräfte zurückgewinnen?

Bei der fast einheitlichen Entscheidung mit 24 Ja-Stimmen zu zwei Nein-Stimmen bei einer Enthaltung, das Grundstück „Stader Straße“ zu priorisieren und das Grundstück „Zur Loge“ für den Bau eines neuen Feuerwehrhauses auszuschließen, wurden die Argumente der Mulsumer Einsatzkräfte gehört, bewertet und absolut ernstgenommen. Ich habe alle Pro- und Contra-Argumente gegeneinander abgewogen und festgestellt, dass der Standort „Stader Straße“ aufgrund der besseren Entwicklungsmöglichkeiten, der besseren Erreichbarkeit durch die Kreisstraße, die Verhinderung der Konflikte mit dem Sportverein und auch aus Steuerzahlersicht die bessere Alternative ist. Zugegeben, die Einsatzzeiten für den Bereich des Ortsteiles Mulsum in Richtung Kutenholz verschlechtern sich durch das um 550 Meter weiter von dem bisherigen Standort entfernte Grundstück „Stader Straße“. Allerdings sind die im Bedarfsplan erfassten potenziellen Gefahrenpunkte in kürzerer Zeit zu erreichen. Ich habe aus voller Überzeugung für den Standort „Stader Straße“ gestimmt. Inwieweit ich hier Vertrauen zurückgewinnen müsste, kann ich nicht beurteilen. Ich bin aber überzeugt davon, dass ich als ehemaliger aktiver Feuerwehrmann der Hansestadt Stade – Zug I Altstadt – und als langjähriger Leiter des Stader Ordnungsamtes, welches für die Ausstattung der Stader Wehren und den abwehrenden Brandschutz zuständig war, eine gute Voraussetzung mitbringe, vertrauensvoll und auf Augenhöhe mit den Kameradinnen und Kameraden zusammenzuarbeiten.

Was werden Sie an Ihrem bisherigen Job in der Stader Stadtverwaltung am meisten vermissen?

Mein Team mit stets unterstützenden Kolleginnen und Kollegen, aber auch meine Chefs, die mir große Entscheidungs- und Gestaltungsfreiräume gegeben haben. Der Hansestadt Stade und ihren Entscheiderinnen und Entscheidern habe ich eine Menge zu verdanken; das werde ich nicht vergessen. Es gibt genau ein einziges Amt, was mich mehr reizt als alle erdenklichen Positionen bei der Hansestadt Stade, und das ist das Amt des Samtgemeindebürgermeisters in meiner Heimat Fredenbeck.

Welche Amtshandlung möchten Sie an Ihrem ersten Arbeitstag umsetzen?

Als Erstes möchte ich natürlich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennenlernen und ihnen meine Erwartungshaltung mitteilen, die Bedürfnisse der Bürgerinnen und der Bürger in den Mittelpunkt zu stellen. Das Anschieben meines bereits erwähnten „Ticketsystems“, welches Bürgeranfragen bündelt und den Anfragenden über die Zuständigkeit und den jeweiligen Sachstand bis zum Grad der Erledigung informiert, ist eine meiner ersten Amtshandlungen.

Zur Person

Matthias Hartlef (Jahrgang 1970) lebt seit 2001 in Schwinge. Zusammen mit seiner Frau Claudia hat er eine Tochter. Aufgewachsen ist der Kandidat in Stade als Sohn eines Bahnbeamten und einer Sekretärin – in einem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus. Seit 2016 sitzt er als Parteiloser in der CDU-Fraktion im Rat der Samtgemeinde Fredenbeck. Er ist ein Kind der Verwaltung. Im Stader Rathaus ist er Betriebsleiter des Gebäudebewirtschaftungsbetriebs und stellvertretender Fachbereichsleiter für Finanzen und Beteiligungen.